Über­triebene Hygiene

Warum zu viel Sauber­keit krank machen kann
Allianz Gesundheitswelt - Übertriebene Hygiene: Paar hat geputzt und lehnt erschöpft am Sofa

Ob in der Küche, im Bad oder im Kinder­zimmer – ein gesundes Maß an Sauber­keit bietet Schutz vor Krank­heiten. Doch wer es mit Desinfektionsmitteln und Putzfimmel übertreibt, bewirkt unter Umständen das Gegen­teil. Lesen Sie, weshalb Ihr Immunsystem „Schmutz“ benötigt und wie „ Targeted Hygiene“ Ihren Alltag gesünder gestalten kann.

In Deutschland leidet fast jede dritte Person an einer allergischen Erkrankung. Jüngste wissen­schaft­liche Er­kennt­nisse belegen: Kinder, die in einer über­trieben keim­freien Umgebung auf­wachsen, entwickeln häufiger Allergien und Asthma. Eine über­triebene Hygiene kann somit ähnlich gesund­heits­schädlich wirken wie eine nach­lässige Rein­lich­keit.

Bereits vor geraumer Zeit beobachtete Dr. Erika von Mutius, Professorin für Pädiatrie an der Universität München, dass Kinder auf einem Bauernhof seltener Allergien entwickeln können als Gleich­altrige aus der Großstadt. Den Unter­suchungen zufolge weisen Bauernhof­kinder unter Umständen ein um die Hälfte geringeres Risiko auf, an Asthma zu erkranken – bei Heu­schnupfen kann die Wahr­schein­lichkeit sogar um zwei Drittel niedriger ausfallen.

Inzwischen differenziert die Wissen­schaft die klassische Hygiene-Hypothese deutlich feiner. Forscher:innen sprechen heute vermehrt von der „Old Friends“-Hypothese oder der Biodiversitäts-Hypothese. Der entscheidende Faktor ist demnach nicht die Abwesen­heit von Infektionen, sondern die Vielfalt an harmlosen Umwelt­bakterien, mit denen der Mensch seit Jahr­tausenden koexistiert. Fehlen diese Mikroben, kann das Immun­system unter Umständen verlernen, zwischen echten Gefahren und harmlosen Stoffen zu unter­scheiden.

Die groß­angelegte GABRIELA–Studie (veröffentlicht im The New England Journal of Medicine) liefert hierzu eine konkrete statistische Einordnung zum Einfluss der mikro­biellen Umgebung auf das Allergie­risiko:

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Faktor aus der GABRIELA–Studie
Mögliche Auswirkung auf das Allergierisiko
Kontakt zu mindestens 4 Tierarten (beispielsweise Kühen, Schweinen)
Kann das Asthmarisiko um ca. 50 % senken
Hohe mikrobielle Diversität im Hausstaub
Korreliert direkt mit einem besseren Schutz vor Asthma
Vielfalt an Bakterien und Schimmelpilzen im Stall
Trägt maßgeblich zur Prägung des Immunsystems bei

Es kann Ihre Kinder in ihrer Ent­wick­lung unter­stützen, wenn Sie diese im Freien spielen lassen. Wald und Wiese beher­bergen eine Vielzahl weit­gehend harmloser Orga­nismen, die Ihre Abwehr­kräfte trainieren können. Beachten Sie jedoch, dass Schmutz unter Umständen nicht in die Augen, Wunden oder andere Körper­öffnungen gelangen sollte.

Bestehende aller­gische oder asthmatische Beschwerden können auf einem Bauernhof in der Regel nicht gelindert werden. Wenn Sie beispiels­weise an einer Pollen­allergie leiden, setzen Sie sich dort unter Umständen einer unnötig hohen Belastung durch Allergene aus. Ein präventiver Effekt ergibt sich primär in der frühen Kindheit, während das Immun­system seine grund­legende Prägung erfährt.

Unser Körper beher­bergt Billionen von Mikro­organismen – das sogenannte Mikrobiom. Dieser „innere Garten“, vor allem im Darm und auf der Haut, ist eng mit unserem Immun­system vernetzt. Über­triebene Hygiene, ins­be­sondere der Einsatz aggressiver Reiniger, stört dieses empfind­liche Gleich­gewicht.

Wenn nützliche Bakterien durch Des­infektion oder Anti­biotika verdrängt werden, haben krank­machende Keime leichteres Spiel. Ein vielfältiges Mikrobiom gilt jedoch als Basis für eine belast­bare Abwehr und kann vor chronischen Ent­zündungen schützen.

Im Alltag werden die Begriffe oft verwechselt, dabei ist die Unter­scheidung für Ihre Gesund­heit essenziell:

  • Sauberkeit beschreibt die optische Reinheit (Entfernen von Staub und Flecken).
  • Hygiene dient dem gezielten Infektions­schutz.

Die moderne Forschung empfiehlt „Targeted Hygiene“ (gezielte Hygiene). Anstatt das gesamte Haus steril zu halten, konzen­triert man sich auf die Momente, in denen Infektions­ketten unter­brochen werden müssen:

  1. Nach dem Toiletten­gang
  2. Vor und während der Zubereitung von Lebens­mitteln (besonders bei rohem Fleisch)
  3. Beim Kontakt mit kranken Familien­mitgliedern oder Mit­bewohnenden
  4. Nach dem Heim­kommen von öffent­lichen Orten

In normalen Haushalten sind anti­bakterielle Seifen oder Sprays meist über­flüssig und können schädlich sein. Über­triebene Hygiene durch Chemi­kalien birgt folgende Risiken:

  • Antibiotika­resistenzen: Der massen­hafte Einsatz von Wirk­stoffen wie Triclosan fördert die Entstehung resistenter Keime, gegen die herkömm­liche Medikamente nicht mehr wirken.
  • Hautschäden: Chemi­kalien zerstören die natürliche Hautflora, wodurch die Haut trocken wird und sich Allergien bilden können.
  • Giftige Inhalts­stoffe: Substanzen wie Natrium­hypochlorit setzen unter Umständen Chlorgas frei, das die Schleim­häute reizt.

Die Pandemie hat unser Bewusst­sein für Hygiene geschärft. Wir haben gelernt, wie effektiv gründ­liches Hände­waschen mit normaler Seife ist. Eine wichtige Erkenntnis: Das Virus verbreitete sich primär über Aerosole in der Luft, seltener über Ober­flächen.

Für den Alltag bedeutet das: Lüften ist oft wichtiger als Wischen. In Privat­haushalten ist eine ständige Flächen­desinfektion meist nicht notwendig, solange niemand akut erkrankt ist. Ein regel­mäßiges Stoßlüften (4–6 Mal täglich) senkt die Erregerlast in Innen­räumen deutlich effektiver.

Sie müssen keine Chemiewaffen auffahren, um Ihr Zuhause sicher zu halten:

  • Sanfte Reiniger nutzen: Bio­lo­gisch abbau­bare Mittel wie Essig- oder Zitronen­reiniger sind für den Alltag völlig aus­reichend.
  • Textilien pflegen: Putz­lappen und Küchen­schwämme sollten wöchent­lich gewechselt und bei mindestens 60 °C gewaschen werden.
  • Feuchtigkeit vermeiden: Halten Sie Bad und Küche trocken, um Schimmel­bildung vor­zu­beugen.
  • Haut schützen: Tragen Sie beim Putzen Handschuhe, um die natür­liche Schutz­barriere Ihrer Hände zu schonen.
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Bilder: Putzendes Paar - Adobestock; Schädlicher Putzfimmel - Kontantin Yuganov/Fotolia