Warnung: Sie verwenden einen veralteten Browser. Bitte wechseln Sie zu einem moderneren Browser wie Chrome, Firefox oder Microsoft Edge.

Unsere Expertin im Gespräch

Entwöhnung von der künstlichen Beatmung

Weaning zielt auf eine bessere Lebensqualität für den Patienten ab. 

Was ist medizinisch möglich?
Muss ein Mensch aufgrund eines Unfalls oder einer schweren Krankheit länger künstlich beatmet werden, ist dies für Betroffene und Angehörige ein Schock. Zudem stehen plötzlich viele Fragen unbeantwortet im Raum – allen voran: Wie sind die Chancen, jemals wieder ohne Gerät atmen zu können? Was kommt auf pflegende Angehörige zu? Unsere Expertin Frau Dr. med. Heike Kemeter gibt Rat und erklärt, was medizinisch möglich ist.
Hier im Gespräch 
Frau Dr. Heike Kemeter ist Fachärztin für Innere Medizin und Pneumologie. Seit elf Jahren berät und betreut sie beatmete Menschen und deren Angehörige im Raum Niederbayern und Oberpfalz.
Entwöhnung ist möglich

Frau Dr. Kemeter, wie sieht der Pflegealltag zu Hause aus, wenn ein Angehöriger künstlich beatmet werden muss?

Die Patienten benötigen 24 Stunden Pflege durch einen spezialisierten Intensivpflegedienst. Das heißt, es ist immer eine Pflegekraft vor Ort und führt die Behandlungs- und Grundpflege durch. Bei der Pflege zu Hause geht dies zulasten der Privatsphäre der Angehörigen im Haushalt.

Grundsätzlich bedeutet eine Pflege zu Hause eine hohe psychische Belastung für alle Beteiligten: Zum einen bekommen sie keinen Abstand mehr voneinander. Zum anderen erleben die Angehörigen jede medizinische Krise unmittelbar mit. Nicht zu vergessen die unangenehme Geräuschkulisse des Beatmungsgerätes, des Absauggerätes und anderer notwendiger Hilfsmittel.

Angehörige können sich freiwillig schulen lassen, um einen Teil der Pflege selbst zu übernehmen, sodass der Pflegedienst zumindest stundenweise außer Haus ist.

Welche Alternativen gibt es zur Pflege zu Hause?

Eine Alternative zur Pflege zu Hause sind Wohngruppen für beatmete Patienten, eine Art Betreutes Wohnen, wobei das Zimmer selbst gestaltet werden kann. Hier leben die Patienten in einem häuslichen Umfeld und erhalten die notwendige Intensivpflege. Gemeinsam mit ihren Angehörigen können sie frei entscheiden, wann und wie lange diese zu Besuch kommen. Dies mildert die psychische Belastung beider Seiten deutlich.

Was ist die häufigste Frage, die Ihnen beatmete Patienten oder deren Angehörige zuerst stellen?

Die häufigste und drängendste Frage lautet: Ist eine Entwöhnung von der Beatmung oder der Trachealkanüle möglich? Und falls ja: Wann?

Die Antwort hängt von der aktuellen Erkrankung, den Begleiterkrankungen und vom Gesamtzustand des Patienten ab. Oft lässt sich die Frage auch erst nach einigen Monaten beantworten. Wobei nur ein Facharzt mit hochspezialisierter Ausbildung und langjähriger Erfahrung beurteilen kann, ob und wann ein sogenanntes Weaning sinnvoll ist.

Bei welchen Patienten ist ein Entwöhnungsversuch sinnvoll?

Dies ist von Person zu Person verschieden und hängt von Faktoren wie Alter und weitere Erkrankungen ab, welche die Atemfunktion beeinträchtigen können. Zudem gestaltet sich die Entwöhnung umso schwieriger und langwieriger, je länger ein Mensch künstlich beatmet wurde. Insbesondere weil sich die Atemmuskulatur mit der Zeit abbaut.

Wie erfolgversprechend ist eine Entwöhnung von einer längerfristigen künstlichen Beatmung überhaupt?

Aktuelle Erhebungen im Rahmen des Kompetenznetzwerks WeanNet: Etwa 60 bis 70 % der Patienten, die ohne Entwöhnung aus der Intensivstation entlassen wurden, können erfolgreich in einem spezialisierten Weaning-Zentrum entwöhnt werden.

Bei rund 40 % der künstlich beatmeten Patienten gibt es Schwierigkeiten bei der Entwöhnung. Letztendlich bleiben 10 % der Betroffenen nach ihrer Entlassung weiterhin auf das Beatmungsgerät angewiesen und benötigen eine Intensivpflege.

Dabei gelingt es, die Hälfte dieser Patienten von der invasiven Beatmung mit Trachealkanüle zu entwöhnen und auf eine nicht-invasive Beatmung mit Maske umzustellen. Diese Patienten benötigen dann keine Intensivpflege mehr und können nach Hause entlassen werden. Außerdem steigt die Lebenserwartung deutlich, wenn das erhöhte Infektionsrisiko durch den künstlichen Luftröhrenzugang und die invasive Beatmung entfällt.

In welchen Einrichtungen ist eine Entwöhnung von der Beatmung möglich?

In spezialisierten Akutkliniken mit Lungenfachabteilung wird versucht, die Invasivität zu verringern: also weniger Beatmungszeiten und geringere Stärke der Beatmung – soweit es der Zustand des Patienten erlaubt.

Nicht spezialisierte Kliniken geben das Weaning häufig früh auf, weil die Strukturen und das Personal auf den Intensivstationen dafür fehlen.

Auf Weaning spezialisierte zertifizierte Zentren schaffen es auch nach einem Jahr künstlicher Beatmung, einen wesentlichen Anteil der Patienten erfolgreich zu entwöhnen. Stationäre Weaning-Zentren sind hierbei für sehr kranke Patienten gerüstet, bei denen sich die Entwöhnung langwierig und schwierig gestaltet.

Als Alternative gibt es ambulante Weaning-Wohngruppen, die eine langwierige Entwöhnung leisten können. Diese stehen künstlich beatmeten Patienten offen, die ohnehin in die ambulante Intensivpflege entlassen werden oder bereits in einer solchen versorgt werden.

Was erwartet einen Betroffenen in einem Weaning-Zentrum?

In einem Weaning-Zentrum kümmern sich interdisziplinäre Teams um die Patienten. Sie werden von einem Lungenfacharzt geführt und bestehen in der Regel aus Atmungstherapeuten, Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten.

Je nach Bedarf zieht der leitende Lungenfacharzt auch weitere Experten hinzu – unter anderem HNO-Ärzte, Neurologen, Psychologen, Psychotherapeuten, Hausärzte und Kardiologen. Spezialisierte Pflegefachkräfte leisten die Grund- und Behandlungspflege.

Im Falle eines ambulanten Weaning-Zentrums erwartet den Patienten zudem ein häusliches Umfeld, das der körperlichen und seelischen Verfassung zuträglich sein kann. Was sich wiederum positiv auf das Weaning auswirkt.

Ob stationär oder ambulant, Weaning zielt auf eine bessere Lebensqualität für den Patienten ab: Die künstliche Beatmung reduzieren. Den Schluckvorgang verbessern, sodass der Patient teilweise oder vollständig wieder normal essen und trinken kann. Im Idealfall gelingt die komplette Entwöhnung von der Beatmung und/oder Trachealkanüle, sodass der Patient keine Intensivpflege mehr benötigt.

Welche Besonderheiten hat das ambulante Weaning noch?

In ambulanten Weaning-Zentren können Angehörige und Freunde jederzeit den Patienten besuchen. Des Weiteren erhält der Patient eine vertraute Pflegeperson nach dem Prinzip der Bezugspflege.

Der entsprechende Pflegeschlüssel räumt dabei ausreichend Zeit für ein strukturiertes und kontinuierliches Weaning ein. Die längere genehmigte Aufenthaltsdauer in ambulanten Weaning-Zentren ermöglicht somit eine erfolgreiche Entwöhnung – auch bei einem langwierigen Verlauf der Grunderkrankung.

An wen können sich Betroffene und Angehörige wenden, die sich für ein Weaning interessieren?

Der erste Ansprechpartner ist der mit der Beatmung betraute Arzt auf der Intensivstation. Sobald der Patient aus der Klinik entlassen wurde, kann Sie der behandelnde Pneumologe beraten.

Fachbegriffe
  • Bezugspflege: Bei der Bezugspflege kümmert sich eine Pflegekraft individuell um den Patienten oder Pflegebedürftigen. Sie ist die feste Bezugsperson in allen pflegerischen Belangen und kann daher ein besonderes Vertrauensverhältnis aufbauen.
  • Intensivpflege und wer macht das? Intensivpflege benötigen Menschen, deren Vitalfunktionen wie Blutdruck, Puls und Atmung ununterbrochen überwacht und unterstützt werden müssen – oft mithilfe technischer Geräte. Die Intensivpflege leistet hierbei speziell ausgebildetes Fachkrankenpflegepersonal.
  • invasiv: Diagnostische oder therapeutische Maßnahmen, die in den Körper eindringen, z. B. eine Trachealkanüle.
  • künstliche Beatmung: Ein medizinisches Verfahren, das der Unterstützung oder dem Ersatz einer unzureichenden oder nicht vorhandenen Spontanatmung dient.
  • Pneumologe: Lungenfacharzt
  • Trachealkanüle: Eine Trachealkanüle wird in einen Luftröhrenschnitt eingesetzt und verhindert, dass sich der künstlich geschaffene Atemweg schließt.
  • nicht-invasive Beatmung: Beatmung mit einer Atemmaske, ohne dass ein körperlicher Eingriff nötig ist.
  • Tracheostoma: Operativ geschaffene Öffnung der Luftröhre nach außen, um eine künstliche Beatmung oder das Absaugen von Sekreten zu ermöglichen.
  • Weaning: Entwöhnung eines Patienten von der künstlichen Beatmung.
Bild: Jenny Sturm/Shutterstock