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Kopfhörer können dem Gehör schaden

Stress für die Ohren

Heute existiert ein ständiger Lärmteppich, der die Menschen stärker betrifft als früher. Berufslärm ist dabei gar nicht mehr das große Problem, die Belastung hat sich stärker in die Freizeit verlagert.

In Kürze
Volkskrankheit
In der Altersgruppe ab 65 Jahren hat jeder Zweite einen Hörschaden. Man kann also durchaus von einer Volkskrankheit sprechen.
Musik spielt große Rolle
Wiedergabegeräte wie Smartphones und MP3-Player sind wesentlich häufiger als früher im Einsatz, und die Leute hören Musik mit höherer Lautstärke.
Wann zum HNO-Arzt?
Immer dann, wenn ein dumpfer Höreindruck nach Lärmeinwirkung oder ein begleitendes Ohrgeräusch nach einigen Stunden nicht verschwinden.
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Prof. Prof. h. c. Dr. med. Thomas Lenarz ist Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und des angeschlossenen Deutschen Hörzentrums. Die HNO-Klinik der MHH betreibt das weltweit größte Cochlea-Implantat-Programm zur Versorgung ertaubter und gehörlos geborener Patienten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der auf Diagnostik und Behandlung aller Arten von Schwerhörigkeiten. Das 2003 gegründete Deutsche Hörzentrum betreut Patienten von der Diagnostik bis zur Nachsorge medizinisch, technisch und pädagogisch und betreibt Forschung und Entwicklung neuartiger Hörsysteme.
Fragen an den Experten

Herr Professor Dr. Lenarz, wie viele Hörgeschädigte gibt es schätzungsweise in Deutschland?

Wir gehen auf Basis von Studien zum Beispiel der Universität Witten-Herdecke davon aus, dass in Deutschland rund 15 Millionen Menschen an Hörschäden leiden. Der Großteil der Schäden ist leichtgradig, aber mit zunehmendem Alter steigt die Zahl der Betroffenen sowie der Schweregrad der Schwerhörigkeit. So hat in der Altersgruppe ab 65 Jahren jeder Zweite einen Hörschaden. Man kann also durchaus von einer Volkskrankheit sprechen.

Wie ist hier die aktuelle Entwicklung?

Mit der Alterung der Bevölkerung nimmt das Problem zu. Das hat zum einen damit zu tun, dass es insgesamt mehr Zivilisationslärm gibt und somit auch mehr Schäden, die dadurch ausgelöst werden. Zum anderen werden die Menschen heute älter. Zusätzlich wirkt sich eine Schwerhörigkeit in der heutigen Kommunikationsgesellschaft verstärkt aus.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die geänderten Anforderungen an das Kommunikationsverhalten: Die Menschen sind viel mehr auf das Telefon angewiesen, und da macht sich ein beeinträchtigtes Hörvermögen deutlicher bemerkbar als in der Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht.

Was sind die Hauptursachen für Hörschäden?

Das Ohr hält eine bestimmte Lärmmenge aus, und wenn diese überschritten wird, entwickelt sich ein Hörschaden. Das kann durch eine punktuelle Spitzenbelastung ausgelöst werden, aber auch durch Dauerlärm. Heute existiert ein ständiger Lärmteppich, der die Menschen stärker betrifft als früher. Berufslärm ist dabei gar nicht mehr das große Problem, die Belastung hat sich stärker in die Freizeit verlagert.

Neben Verkehrslärm, Ansagen und anderen Beschallungen spielt die Musik eine große Rolle. Wiedergabegeräte wie Smartphones und MP3-Player sind wesentlich häufiger als früher im Einsatz, und die Leute hören Musik mit höherer Lautstärke.

Es ist wichtig zu wissen, dass die Lärmbelastung sich über die Jahre aufsummiert. Und ein Innenohrschaden ist nicht heilbar; man kann mit technischen Mitteln nur die funktionellen Einschränkungen innerhalb gewisser Grenzen kompensieren. Nur mit entsprechender Prophylaxe lassen sich Hörschäden vermeiden.

Wann wird es gefährlich für das Gehör?

Die Lärmempfindlichkeit ist bei einzelnen Menschen unterschiedlich. Bei unerwartetem Lärm ist das Risiko höher als bei erwartetem, auf den sich die Hörzellen einstellen können.

Grundsätzlich kann aber laute Musik genauso einen Hörschaden auslösen wie das klassische Knalltrauma beim Silvesterfeuerwerk. Ein Hörschaden wirkt sich dabei unabhängig vom Auslöser immer zuerst im Hochtonbereich aus: Betroffene nehmen hohe Töne schlechter oder gar nicht mehr wahr, alle Geräusche klingen dumpfer und indifferenter.

Dabei handelt es sich nicht nur um mechanische Schäden durch das Überstimulieren der Hörzellen. Die Sinneszellen benötigen beim Hören sehr viel Energie, die nicht ausreichend nachgeliefert werden kann. Es kommt zum Sauerstoffmangel, das Innenohr schaltet auf anaeroben Stoffwechsel um, und die dabei entstehenden Stoffwechselprodukte schädigen die Sinneszellen. Verschärft wird das ganze dadurch, dass das Innenohr bei starkem Lärm schlechter mit Blut versorgt wird, weil sich die Gefäße zusammenziehen.

Das Gehör kann bereits ab 85 Dezibel Schaden nehmen. Definitiv schädlich ist Lärm ab einer Lautstärke von 90 Dezibel. Sie dürfen dabei nicht vergessen, dass die Skala logarithmisch ist: Der Schalldruckpegel verdoppelt sich alle 3 dB – 93 dB sind doppelt und 96 dB vier Mal so laut wie 90 dB. In der Praxis sollte alles, was Sie als unangenehm laut empfinden, oder ein Lärmpegel, bei dem Sie sich nicht mehr unterhalten können, ein Warnsignal sein, dass Sie sich jetzt besser entfernen oder Ihr Gehör schützen. Auch bei Konzerten oder in der Disco sollten Sie im Zweifelsfall geeignete Ohrstöpsel benutzen, selbst wenn das den Musikgenuss eventuell beeinträchtigt.

Bei welchen Anzeichen sollte man einen HNO-Facharzt aufsuchen?

Immer dann, wenn ein dumpfer Höreindruck nach Lärmeinwirkung oder ein begleitendes Ohrgeräusch nach einigen Stunden nicht verschwinden.

Warum sind gerade MP3-Player und andere mobile Wiedergabegeräte gefährlich für das Gehör?

Man hat die Kopfhörerstöpsel direkt im Ohr und empfindet dadurch die Lautstärke nicht so stark. Außerdem übertragen die Kopfhörer tiefe Frequenzen schlechter, und man neigt dazu, die fehlenden Bässe durch Lautstärke zu kompensieren. Sie würden normale Lautsprecher nie so laut aufdrehen, wie es viele Leute bei Kopfhörern machen.

Dazu kommt ein Gewöhnungseffekt, man dreht immer lauter, je öfter man so Musik hört. Außerdem benutzen viele Menschen ihre Geräte jeden Tag stundenlang und setzen so ihre Ohren permanentem Lärmstress aus.

Wie kann ich feststellen, dass mein Wiedergabegerät zu laut ist?

Das sehen Sie daran, dass der Schallpegel nicht eindeutig angezeigt wird, oder dass das Gerät keinen Pegelbegrenzer für die Lautstärke hat. Das ist besonders bei einfachen Geräten häufiger der Fall. So ein Begrenzer ist absolut sinnvoll, mit Lautstärkepegeln jenseits davon bewegen Sie sich schon im Hörschadensbereich.

Deshalb sollten Sie eine vorhandene Begrenzung Ihres Players auch nicht durch einen Firmware-Patch aushebeln, wie sie im Internet kursieren: Was Sie heute Ihren Ohren zumuten, wirkt sich auch in Zukunft aus und ist irreversibel.

Woran erkennt man MP3-Player oder Smartphones, die die empfohlenen Höchstwerte nicht überschreiten?

Die Hersteller haben leider kein großes Interesse daran, dieses Feature zu bewerben, weil manche Kunden das als Nachteil empfinden. Achten Sie darauf, dass eine entsprechende Anzeige im Display vorhanden ist, und lesen Sie in der Bedienungsanleitung nach, ob die Maximallautstärke des Geräts begrenzt ist.

Leider gibt es auch kein Gütesiegel, das dieses Merkmal auf den ersten Blick zeigt. Der Weg zu so einem Zertifikat ist ein komplizierter Prozess. Wir können aus der Wissenschaft nur die Daten dazu liefern, dann hängt es vom Gesetzgeber ab, wie schnell so etwas kommt.

Bild: Spectral-Design/Fotolia