Ein schwerer Schicksalsschlag mit 14 Jahren, eine Unterschenkelamputation, Weltrekorde und Paralympics-Gold: Die Geschichte von Markus Rehm beeindruckt nicht nur sportlich. Was aber können Menschen auch ohne sportliche Ambitionen von ihm lernen? Die Antwort lautet: eine ganze Menge, zum Beispiel über Resilienz, also psychische Widerstandskraft.
Resilienz: Über den Umgang mit Rückschlägen
Wer ist Markus Rehm?
Markus Rehm trägt eine Beinprothese und ist der weltweit erfolgreichste paralympische Weitspringer unserer Zeit. Er ist unter anderem vierfacher Paralympics-Goldmedaillengewinner im Weitsprung, mehrfacher Weltmeister und Europameister sowie Weltrekordhalter mit einer Bestweite von 8,72 Metern. Wenn er nicht auf dem Sportplatz aktiv ist, arbeitet er als Orthopädietechniker-Meister.
Resilienz im Alltag: Fünf Tipps von Markus Rehm
Markus Rehm im Gespräch: „Die größte Gefahr ist nicht die Konkurrenz, sondern der Stillstand“
Markus, du sprichst oft über Resilienz. Was bedeutet dieser Begriff für dich ganz persönlich?
Für mich bedeutet Resilienz, nach schwierigen Situationen wieder in die eigene Balance zurückzufinden. Nicht so zu tun, als wäre nichts passiert, sondern Wege zu finden, mit Rückschlägen umzugehen und daran zu wachsen. Wie ein Schwamm – du kannst ihn zerdrücken, durch den Raum werfen, er kommt immer zurück in seine Ursprungsform. Genau das ist für mich Resilienz: die Fähigkeit, deine Einstellung, deine Haltung und deine Perspektive auf Dinge einfach flexibel zu verändern und zu korrigieren. Das war der entscheidende Faktor in meiner Karriere – nicht nur die reine Sprungkraft.
Dein Leben wurde durch einen schweren Unfall im Alter von 14 Jahren komplett verändert. Wie hast du damals gelernt, damit umzugehen?
Das war ein langer Prozess. Am Anfang hätte ich alles dafür gegeben, mein altes Leben zurückzubekommen. Irgendwann habe ich aber verstanden: Die Realität kann ich nicht ändern. Die Frage ist, was ich daraus mache.
Mir fehlte plötzlich ein Unterschenkel. Viele Menschen in meinem Umfeld glaubten sofort zu wissen, was dadurch alles nicht mehr möglich sein würde. Ich habe versucht, genau das nicht zu akzeptieren. Warum sollte ich keinen Sport mehr machen? Warum nicht wieder Snowboard fahren? Warum nicht meine beruflichen Ziele verfolgen?
Heute sagst du sogar, dass du den Unfall nicht rückgängig machen würdest. Das überrascht viele Menschen.
Natürlich würde ich niemandem wünschen, so etwas zu erleben. Aber rückblickend hat dieser Tag ganz vieles in meinem Leben ausgelöst. Ich durfte die Welt bereisen, bei Paralympics starten, Weltrekorde aufstellen und habe einen Beruf gefunden, der mich erfüllt.
Als Orthopädietechniker-Meister entwickle ich heute selbst Prothesen mit und begleite Menschen auf ihrem Weg zurück in einen aktiven Alltag. Viele dieser Erfahrungen hätte ich ohne diesen Einschnitt vermutlich nie gemacht.
Gibt es einen zentralen Gedanken, der dir in schwierigen Situationen hilft?
Ja: Akzeptiere die Realität, aber nicht automatisch die vermeintlichen Konsequenzen.
Die Realität war, dass ich eine Prothese tragen musste. Daraus folgt aber nicht, dass ich aufhören muss zu träumen oder meine Ziele aufgeben soll. Viele Grenzen entstehen zuerst im Kopf.
Du nennst Impulskontrolle als einen wichtigen Baustein von Resilienz. Was meinst du damit?
Zwischen einem Ereignis und unserer Reaktion liegt ein kleiner Moment. Genau dort entsteht oft der Unterschied.
Wenn etwas schiefläuft, reagieren wir schnell mit Frust, Angst oder Resignation. Resiliente Menschen schaffen es, diesen Moment bewusst zu nutzen und zu überlegen: Was ist jetzt der nächste sinnvolle Schritt?
Ein Beispiel: Ich war mit meiner Freundin auf einer Gala eingeladen und ihr Koffer ging verloren. Ihr erster Impuls war: Der Abend ist gelaufen. Für mich war das nie eine Option. Ich wusste, es wird verdammt eng, aber irgendwie kriegen wir das hin. Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt und ihr ein neues Outfit besorgt. Am Ende des Tages hatten wir noch einen wahnsinnig schönen Abend mit ganz, ganz vielen schönen Erinnerungen.
Also: Nicht jede erste – meist emotionale – Reaktion ist automatisch auch die beste.
Welche Rolle spielen Ziele?
Eine sehr große. Wer ein Ziel vor Augen hat, kommt leichter durch schwierige Phasen. Für mich waren das zunächst sportliche Ziele wie Medaillen oder Weltrekorde. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass hinter dem Ziel ein noch wichtigeres „Warum“ steckt. Wer weiß, wofür er morgens aufsteht, bleibt auch dann dran, wenn es unbequem wird.
Viele Menschen denken bei Spitzensport zuerst an individuelle Leistung. Du betonst dagegen immer wieder die Bedeutung von Teamwork. Warum?
Weil niemand alleine erfolgreich wird.
Klar: Auf der Wettkampfanlage stehe ich allein auf der Bahn. Hinter jedem Erfolg stehen aber mindesten 25 bis 30 Leute: Trainer, Physiotherapeuten, Ärzte, Techniker, Familie und Freunde. Das gilt im Sport übrigens genauso wie im Berufsleben.
Resilient zu sein bedeutet nicht, alles alleine schaffen zu müssen. Es bedeutet auch, Unterstützung anzunehmen.
Du sagst außerdem: „Die wahre Gefahr ist nicht deine Konkurrenz. Die Gefahr ist der Stillstand.“ Was steckt dahinter?
Stillstand ist bequem. Aber genau darin liegt das Risiko.
Nach vielen Jahren an der Weltspitze könnte man denken: Das reicht jetzt. Doch in dem Moment, in dem man aufhört zu lernen und sich weiterzuentwickeln, wird man irgendwann überholt.
Deshalb frage ich mich ständig: Was kann ich verbessern? Die Technik? Das Training? Die Regeneration? Die Ernährung? Entwicklung hört nie auf.
Lässt sich diese Haltung auch auf den Alltag übertragen?
Absolut. Veränderung gehört zum Leben. Ob im Beruf, in der Familie oder nach gesundheitlichen Herausforderungen.
Wir können nicht alles kontrollieren. Aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren. Wer flexibel bleibt und in Lösungen denkt statt in Problemen, hat einen großen Vorteil.
Was kannst Du uns zum Abschluss an die Hand geben?
Resilienz ist keine Superkraft, die man hat oder nicht. Es geht darum, sich Strategien zu bauen: den ersten Impuls hinterfragen, Ziele aufschreiben, sich Unterstützung holen und nie aufhören, sich weiterzuentwickeln. Und vor allem: Akzeptiere, was ist – aber bestimme selbst, was daraus wird.
Autoren dieser Seite:
Markus Rehm (Profi-Sportler und Orthopädietechniker-Meister)
Peter Grzeschniok (Autor und Content-Manager Allianz Gesundheitswelt)
Alle Bilder:
Louis Kaiser